Die Migrationsgesellschaft ist zu einer deutschen Realität geworden. Mit der Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts für die in Deutschland geborenen Kinder von Einwanderern wurde dieser neuen Realität Rechnung getragen. Die Politik hat sich zusammen mit vielen anderen gesellschaftlich relevanten Akteuren von alten Illusionen verabschiedet und muss sich nun auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Jeder vierte Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Bei den schulpflichtigen Kindern sind es 40%. Navid Kermani konnte 2009 noch die Frage stellen: »Wer ist Wir?« Zehn Jahre später würden wir gerne mit Aladin El-Mafaalani sagen: »Ein Kennzeichen offener Einwanderungsgesellschaften ist es, dass alle, die wollen, zum Wir gehören können.« Aber so weit sind wir noch nicht. An der Formulierung einer »neuen, pluralen und migrationsoffenen nationalen Identität« (Naika Foroutan) müssen wir noch gehörig arbeiten.
Die vier kirchlichen Akademien in Baden-Württemberg wollen mit einer Tagung zur »Zukunft der Migrationsgesellschaft« zunächst eine gesellschaftliche Standortbestimmung versuchen. Diese wird einen Spagat beschreiben, bei dem wir auf der einen Seite sehen müssen, dass unser gesellschaftliches Selbstbild noch immer dem einer Prä-Migrationsgesellschaft gleicht, während gleichzeitig längst eine post-migrantische Generation entstanden ist. In diesem Spannungsfeld wollen wir uns exemplarisch fünf Bereiche unserer Gesellschaft anschauen, in denen die Aushandlung von Zugehörigkeiten stattfindet. Dabei wird uns die Frage begleiten, welche Rollen die staatlichen, die kirchlichen und die zivilgesellschaftlichen Institutionen bei der zukünftigen Gestaltung unserer Migrationsgesellschaft spielen können und spielen sollen.
Mitwirkende:
Prof. Dr. Andrea Cnyrim (Interkulturelle Kommunikation, Karlsruhe)
Björn Bicker (Dramaturg, München)
Prof. Dr. Naika Foroutan (Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik, Berlin)
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (Soziologie, Bielefeld)
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Stuttgart)
Prof. Dr. Regina Polak (Theologie, Wien)
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