2024 – Schicksalsjahr unserer Demokratie?

Kolumne „Denkanstöße“ (Folge 7) von Dr. Karsten Kreutzer

An dieser Stelle unseres Blogs poste ich in unregelmäßigen Abständen eigene kurze Gedanken zu gesellschaftlichen und theologischen Fragen. Es sollen Denkanstöße sein, die zum Nachdenken, zu Zu-, aber auch zu Widerspruch anregen wollen. In dieser Folge möchte ich zu Beginn des Jahres 2024 anregen, den Verächterinnen und Verächtern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung entgegen zu treten.

Die letzten Jahre waren in vielerlei Hinsicht von Krisenerfahrungen geprägt: Der Überfall Russlands auf die Ukraine, der Terror der Hamas gegen Israelis, somit zwei Kriege in unserer unmittelbaren Nachbarschaft (abgesehen von all den vielen, die nicht in unser Bewusstsein dringen), die Energiekrise, die schier unaufhaltsam scheinende Klimaerhitzung und dadurch verursachte Extrem-Wetterereignisse, die durch den Migrationsdruck ausgelösten Ängste usw., usw. In diesem Jahr stehen nun Wahlen an: im Juni in Europa und den Kommunen, im Herbst Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, im November schließlich die US-Präsidentschaftswahlen.
 
Kommt nach dem Krisenjahr 2023 nun also das Schicksalsjahr 2024 für unsere Demokratie? Meine persönliche Antwort lautet: Nein! Von Schicksalsjahr zu sprechen, ist eine viel zu fatalistische Haltung. Ja, es geht um viel in diesem Jahr! Und es liegt an uns allen! Ein deutlicher Zuwachs der AfD in Deutschland und ein Sieg Trumps in den USA sind eine reale Möglichkeit, aber sie bedeuteten nicht das Ende unserer Demokratie.
 
Gefordert sind deshalb politisches Denken und Handeln, Zivilcourage und ein Eintreten für demokratische Werte, in der Familie, im Freundeskreis, am Stimmtisch, am Arbeitsplatz, an der Wahlurne, in der Öffentlichkeit und auch in demokratischen Parteien. Hilfreich ist dabei ein realistischer Blick in die Welt, nicht ein Erstarren vor den Problemen und dem drohenden Übel wie das Kaninchen vor der Schlange. Es gibt nicht nur Krisensymptome, sondern auch Hoffnungssignale in der Welt: In Brasilien hat die Regierung Lula seit ihrem Amtsantritt die Abholzung des Regenwaldes deutlich verringert. In Polen hat eine demokratisch gesinnte und europafreundliche Opposition um Donald Tusk die Wahlen gewonnen und gezeigt, dass Rechtspopulisten abwählbar sind. In Deutschland haben wir – alles in allem und bei vielen Fehlern, die auch gemacht wurden – die Corona-Krise gesellschaftlich gut überstanden, die Versorgungsstabilität mit Energie wurde 2023 wieder hergestellt und die Inflation ist mittlerweile deutlich eingebremst.
 
Was tun wir als Katholische Akademie in dieser Situation? Hinschauen, analysieren, Lösungsansätze kontrovers diskutieren, wobei wir extremistischen Positionen keine Bühne bieten, und politisch bilden: Etwa in der Jungen Akademie mit den Themen der sozial-ökologischen Transformation. Oder mit dem Studientag „Die gefährdete Republik“ am 18. Januar, bei dem wir die Infragestellungen unserer Demokratie durch den wieder aufkeimenden Nationalradikalismus debattieren. Oder mit zwei Veranstaltungen zu den Herausforderungen und Chancen von Migration am 18. und 20. Juni, rund um den Weltflüchtlingstag.
 
Von daher möchte ich – leicht abgewandelt – mit Ingo Zamperonis allabendlichem Aufruf am Ende der Tagesthemen schließen: Bleiben wir auch im Jahr 2024 zuversichtlich! Als Christinnen und Christen haben wir allen Grund dazu. Und setzen wir uns, wo immer wir stehen, für den Erhalt unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ein!
 
Gepostet am 08.01.2024 von Dr. Karsten Kreutzer, Akademiedirektor

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