Leben in Krisenzeiten
Ganz im Sinne des Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens, möchte ich zunächst dazu ermutigen, wahrzunehmen, was tatsächlich ist. Nicht, was sein sollte oder sein müsste, sondern, was ist; in mir, in den anderen, in der Welt. Das ist der Anfang eines geistlichen, oder mit anderen Worten, eines authentischen Lebens. Und wenn da Unfriede, Orientierungslosigkeit, Spannung, Gegensätze, Spaltung sind, dann werden diese nicht dadurch weniger, dass ich meine, dass diese aber nicht sein sollten oder dürften. Es gilt zu akzeptieren, dass sie da sind.
Als Kirche mussten und müssen wir das im Kontext der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs bitter lernen. Wie oft wurde nicht richtig hingeschaut, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte? Bzw. weggeschaut, verdrängt, verschleiert und vertuscht, um vermeintlich ehrwürdige Personen und die Institution zu schützen. Und natürlich war und ist das nicht nur im Raum der Kirche so, sondern auch in Sportvereinen, Schulen, Familien, … Nicht wegschauen, das gilt nicht nur mit Blick auf sexuellen Missbrauch, sondern immer dann, wenn Machtverhältnisse existieren, was völlig normal ist in einer menschlichen Gesellschaft. Aber wenn mir in einem Machtgefälle irgendetwas komisch vorkommt, mich irritiert, zum Nachdenken bringt, dann ist ein zweiter Blick angezeigt.
Krisen gehören zum Leben dazu. Auch frühere Generationen hatten ihre Herausforderungen und Krisen. Denken wir nur an die Zeit des II. Weltkriegs. Solange man in einer Situation und Zeit steckt, kann man sie nicht überblicken. Eine Zeit einordnen und durchschauen ist erst aus dem Nachhinein möglich. Ein Blick in die Geschichte kann daher für heute Gelassenheit lehren. Ebenso ein Blick in die Natur: Auf jeden Winter folgt der Frühling. Das ist nicht zur Vertröstung gesagt, sondern als Hoffnungszeichen. Es geht weiter, auch wenn ich manchmal noch nicht weiß, wie.
Das ist nicht nur in einem theologischen, sondern grundsätzlich ideologischen Sinne gemeint. Es gilt, nüchtern auf die Welt zu blicken, Fakten zu akzeptieren, wissenschaftliche Expertise einzuholen, die eigene Position in Frage stellen zu lassen und – als glaubender Mensch – auf Gott zu vertrauen – und damit darauf, dass sich das bessere Argument auf lange Sicht schon durchsetzen wird, selbst wenn es nicht mein eigenes ist.
Denn er oder sie könnte ja recht haben bzw. etwas sehen, was ich (noch) nicht sehe. Das setzt voraus, dass ich mich nicht durch eine sachliche Anfrage auch persönlich angegriffen fühle. Denn das Gegenüber könnte mir mit seiner oder ihrer Sicht der Dinge unter Umständen sogar dazu verhelfen, mich selbst besser zu verstehen, meine eigenen Werte, Überzeugungen, Grundhaltungen – eine Position, die schon das II. Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ vertreten hat.
Das erfordert den Respekt vor der anderen Auffassung. Es bedeutet aber auch, nicht wegzuhören, wenn „dummes Zeug“ geredet wird, sondern Position zu beziehen, gerade auch im familiären und freundschaftlichen Umfeld. Die feste Behauptung ersetzt eben gerade nicht den Beweis. Eine christliche Haltung heißt nicht, jede Auffassung schweigend zu tolerieren. Sondern ganz im Sinne des Paulus, einer unbegründeten Meinung oder einer sich im Ton vergreifenden Person mit Rückgrat zu widersprechen, ggf. auch dann, wenn diese Meinung von einer Autorität geäußert wird.
Ich muss nicht jede Person davon überzeugen, dass ihre Auffassung krude und abwegig ist. Mit Fundamentalisten kann man nicht diskutieren, ohne den Verstand zu verlieren. Oder nur dann, wenn man das Gespräch pastoral bzw. therapeutisch führt, aber nicht diskursiv. Das heißt, wenn man sich nicht auf eine inhaltliche Auseinandersetzung einlässt, sondern sich bemüht, die Person wertzuschätzen, aber sich nicht auf deren Position einlässt.
Je älter ich werde, desto mehr mache ich die Erfahrung, dass vieles im Leben Fragment bleibt. Trotz allen Bemühens bleiben wir Menschen oft hinter dem zurück, was möglich wäre oder was wir anderen Menschen schuldig sind. Wir durchschauen uns selbst nicht, jedenfalls nicht zur Gänze, und können unseren eigenen Mustern und inneren Antreibern oft nicht entrinnen. Zudem schleppen wir das Bruchstückhafte, das uns frühere Generationen mitgegeben haben, weiter mit uns herum. Es gilt zu akzeptieren, dass dem so ist. Mit anderen Worten, es gilt in Kirche und Gesellschaft „erwachsen zu werden“ (so Elisabeth Lammert, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, bei der Akademie-Veranstaltung „Wie weiter?“ nach der Vorstellung des Freiburger Missbrauchs-Berichts). Was bleibt also? Am Ende nur die Hoffnung auf Gott, dass unsere Wunden und Verletzungen im Angesicht einer bedingungslosen Liebe heil werden mögen.
Die Liste ist nicht vollständig. Es gibt viele weitere hilfreiche Haltungen in Krisenzeiten. Bei diesen wenigen möchte ich es belassen. Vielleicht regen meine Gedanken ja zu eigenen und besseren Impulsen an?! Dann wäre das durchaus gewollt.
Kommentare
26.10.2023 18:48 - Walther Lipphardt
Jedes der Themen hinterlässt den Wunsch weiter vertieft zu werden
Vielen Dank, Herr Dr. Kreuzer.
Sie sprechen Themen an, die zu tiefst auf sich selbst reflektieren lassen, und je älter man wird, einen um so unsicher werden lässt - im eigenen Denken, Reden und Handeln und besonders im Glauben und sich Fragen auftun, die nicht mehr beantwortet werden können und dabei auch Philosophie, Theologie und die vielgepriesene Wissenschaft versagt.
Jedes Ihrer Themen hinterlässt den Wunsch (in kleinerem Kreis, auch aufgrund vieler Erfahrungen und Entwicklungen) weiter vertieft und gegenseitig ausgetauscht zu werden (ohne es zu Zerreden), um von einander zu lernen.
Je älter ich werde und auf ein langes Leben zurückblicke, je mehr erkenne ich, wie stückwerkhaft alles ist und wie viel am gegenseitigen Achten, Ehren und Lieben im Leben noch fehlt und man am Ende dasteht mit leeren Händen (Huub Oosterhuis).
Bleibt uns am Ende nur Vertrauen? das in dieser Zeit noch zu tragen vermag?
Nochmals vielen Dank
Walther Lipphardt



