An dieser Stelle unseres Blogs poste ich in unregelmäßigen Abständen eigene kurze Gedanken zu gesellschaftlichen und theologischen Fragen. Es sollen Denkanstöße sein, die zum Nachdenken, zu Zu-, aber auch zu Widerspruch anregen wollen. Sie wollen die Debatte eröffnen, nicht abschließen. Sie sollen zum Dialog anstiften. In dieser Folge versuche ich die multiplen Krisen unserer Zeit als charakteristisches Merkmal des derzeitigen Lebensgefühls zu verstehen.
Krisenzeiten
Kolumne »Denkanstöße« (Folge 6) von Dr. Karsten Kreutzer
Wir leben in Zeiten der Krise. In kurzer Folge gaben sich in den vergangenen Jahren Krisen die Klinke in die Hand: Bankenkrise, Eurokrise, Migrationskrise, Klimakrise, Coronakrise, Russlandkrise, Energiekrise. Diese Aufzählung bedeutet allerdings nicht, dass zeitlich frühere Krisen bereits überwunden waren, wenn die nächste folgte. Allen diesen Ereignissen gemeinsam ist die Erfahrung von »Kontrollverlust« (so der Kasseler Soziologe Heinz Bude). Anders als bei früheren Generationen – so war die Grundhaltung der Nachkriegs-Generation von Wiederaufbau und die der 68er von gesellschaftlichem Aufbruch geprägt – lautet die heutige kollektive Erfahrung: Wir haben die Welt und das Geschehen in ihr nicht in der Hand. Nicht mehr Fortschritt und Weltgestaltung scheinen das Gebot der Stunde, sondern »Anpassung« (so der Berliner Soziologe Philipp Staab), um als Menschheit überleben zu können. Krise bedeutet Infragestellung, Suche, Ungewissheit, Unterscheidung (der Geister, wie die geistliche Tradition der Jesuiten sagt) und auch Chance zur Erneuerung. Mit dieser Erfahrung gehen Menschen unterschiedlich um.
Die einen, und es ist die deutliche Mehrheit in unserer Gesellschaft, akzeptieren diese Krisenerfahrung und die sich daraus ergebende Konsequenz, dass wir mit Ungewissheiten leben müssen und nur »auf Sicht fahren« können. Sie ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit nur gemeinsam bewältigen können. Und sie vertrauen dabei den öffentlichen Institutionen, dem Staat, der Politik, der Justiz, der Wissenschaft, der Medizin, den Medien, als je auf ihre Weise hilfreichen Informationsquellen, Orientierungshilfen und Regelungsinstanzen.
Die anderen, es ist eine Minderheit, aber eine lautstarke, akzeptieren den krisenbedingten Kontrollverlust nicht, sondern rennen dagegen an, ignorieren Fakten, verdrängen Zusammenhänge, entwickeln Verschwörungsszenarien, kennen nur noch schwarz oder weiß, Freund oder Feind, suchen nach dem starken Führer, betrachten sich im Widerstand gegen fremde Mächte – so wird dann die Demokratie zur Diktatur – und vertrauen niemandem mehr, außer der eigenen, sich selbst bestätigenden Blase.
Von daher war auch nicht damit zu rechnen, dass das Phänomen der Corona-Leugner*innen mit der Pandemie verschwindet. Die gleichen Gruppen am extremen rechten Rand, die zuvor gegen Migration und dann gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu Felde zogen, betätigen sich nun als selbst ernannte Friedensengel, leugnen den russischen Überfall auf die Ukraine und werfen dem Westen Kriegstreiberei vor. Aber auch am anderen Ende des politischen Spektrums greifen die Mechanismen der Abschottung: Für die Aktivist*innen der sogenannten Letzten Generation zählt nur noch die Tat, nicht mehr das Argument, um die Welt zu retten. Mit der nächsten Krise werden neue Verschwörungsmythen entstehen, wie es sie auch vor Corona und immer schon gab. Nur ist deren Wirkmächtigkeit durch die sozialen Medien und die Bildung von Informationsblasen größer geworden.
Zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft treffen zwei Weltdeutungen diametral aufeinander. Von daher stellt sich die Frage: Wie können wir zu einem Ausgleich, zu einem neuen Miteinander finden? Der öffentliche Diskurs, ob zivilgesellschaftlich oder medial, scheidet als Vermittlungsinstanz nahezu aus, denn er findet zwischen den skizzierten Lagern nicht mehr statt. Längst haben unterschiedliche Milieus unterschiedliche Leitmedien und Diskussionsorte ausgebildet. Religion als gesellschaftlicher Kitt und die Kirchen als Orte des Miteinanders über verschiedene politische Auffassungen hinweg fallen auch aus. Zumindest aber sind sie nicht mehr wirksam, und das nicht erst seit dem Skandal um sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche. Zum einen wegen des gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts der Kirchen und weil sie zunehmend mit sich selbst beschäftigt sind, zum anderen gibt es die beschriebenen Auseinandersetzungen längst auch in ihren Reihen. Verwiesen sei nur auf die tiefgreifende Kluft zwischen Reformer*innen und Bewahrer*innen, die sich beim Synodalen Weg der Kirche in Deutschland aufgetan und die die Unmöglichkeit einer Verständigung zwischen den Lagern aufgezeigt hat. Gemeinsame Grundhaltungen existieren über die Grenzen der Parteiungen in Gesellschaft und Kirche hinweg offenbar nicht mehr. Die Mehrheit ist demokratisch-plural und diskursiv orientiert, die Minderheit autoritär, und sei es nur in Hinblick auf die nicht in Frage zu stellende eigene Position.
Der demokratische Staat kann den rechtsstaatlichen Rahmen bieten. Das ist schon viel, da er damit das Gewaltmonopol besitzt und mit den Gerichten zugleich eine unabhängige Instanz zur Streitschlichtung bereitstellt. Aber er kann keine Verständigung oder Versöhnung zwischen den Lagern schaffen. Er wird vom autoritären Lager auch selbst als Partei betrachtet. Vielleicht ist die Verfassung mit ihren Grundrechten noch ein gemeinsamer Boden, denn auf Menschenwürde, Leben, Unversehrtheit und Freiheit berufen sich beide Seiten und nehmen sie in Anspruch. Auch wenn es sich dabei um den kleinsten gemeinsamen Nenner handelt, so ist dieser doch ein solides Fundament, um diese Grundspannung in Krisenzeiten auszutarieren.
Wie aber als Christ*in oder als säkularer Mensch mit der beschriebenen Herausforderung der Krisenzeit umgehen? Welche Haltungen können vielleicht helfen? Gibt es geistliche Hilfestellungen, zumindest Wegmarken, an denen man sich orientieren kann? Einige wenige möchte ich anbieten – in Teil 2 dieser Überlegungen, der demnächst an gleicher Stelle erscheinen wird (eine gekürzte Fassung beider Artikel ist erschienen in Konradsblatt 2023, Heft 34-35, Seite 16-17).
Gepostet am 19.09.2023 von Dr. Karsten Kreutzer, Akademiedirektor
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