Fällt Weihnachten dieses Jahr aus?

»Weihnachten auf Sparflamme«, so titelte die Tagesschau am 20. November 2022. Hintergrund für diese Überschrift war der gedimmte Lichterschmuck, die aus Kostengründen gestrichene Weihnachtsgans und der Rückgang im Einzelhandelsgeschäft. 70 % der Händler*innen schauen mit großer Sorge auf das Weihnachtsgeschäft. Viele Menschen wollen – und müssen auch – verzichten.

Auf etwas verzichten, dies nehmen sich viele während der Fastenzeit vor, sei es auf Alkohol, Fleisch, das Smartphone. In dem Blogbeitrag »Ist Fleisch aus dem Labor die Zukunft?« wurde eine Umfrage der Krankenkasse DAK zitiert, nach der knapp zwei Drittel der Deutschen schon mindestens einmal pro Jahr für mehrere Wochen auf bestimmte Genussmittel verzichtet haben. Viele empfinden dies laut einem Artikel von Silvia Liebrich vom 30. Juli 2022 in der SZ als »erleichternd, ja sogar befreiend …, Verzicht kann reinigend auf Körper und Seele wirken.« Auch sie resümiert: Wir müssen lernen zu verzichten.

Doch was genau versteht man unter Verzicht? Dieser Frage spürten Professorin Nina Degele und Professor Timo Heimerdinger in einem Doppelvortrag am 23. November 2022 an der Universität Freiburg nach. Für sie ist Verzicht ein freiwilliges Unterlassen, obwohl ein Wunsch und die Möglichkeit seiner Realisierung bestehen. Dabei wird ein (wie auch immer gearteter) Nutzen oder Zugewinn erwartet. Hervorgehoben wurde die »aua-Komponente«: Verzicht tut auch immer ein bisschen weh. So kann man als Nichtraucher, der noch nie den Wunsch nach einer Zigarette verspürt hat, auch nicht vom persönlichen Verzicht auf das Rauchen sprechen. In dieser Definition spielt die Freiwilligkeit eine große Rolle. Sie grenzt den Verzicht somit vom Verbot, vom Mangel und vom Verlust ab.

Auch in Deutschland gibt es allerdings Menschen, die nicht oder kaum verzichten können, da ihnen die materielle Basis dazu fehlt. Wie Prof. Heimerdinger in seiner Definition von Verzicht klarstellte, muss die Möglichkeit des freiwilligen Handelns gegeben sein. Viele Menschen haben diese Möglichkeit nicht, da bei ihnen bereits die Grundversorgung gefährdet ist und Mangel herrscht. So resümiert auch Silvia Liebrich, dass eine Wohnung auf 19 statt 21 Grad zu heizen, durchaus zumutbar ist, die Grenze ist jedoch überschritten, wenn das Heizen an sich unerschwinglich wird.
Wie sehr unser ansonsten häufig konsumorientierter Lebensstil die Erde und das Klima strapaziert, bekommen wir jedes Jahr am sogenannten Welterschöpfungstag vor Augen geführt. Die Menschheit verbraucht jedes Jahr mehr Ressourcen und somit rückt auch dieser Tag im Kalender stetig weiter nach vorne. Dieses Jahr hatten wir weltweit gesehen bereits am 28. Juli die natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die uns für ein Jahr zur Verfügung stehen. Würden alle Menschen so leben wie wir in Deutschland, wären insgesamt drei Erden notwendig. Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor, spricht in seinem Beitrag zum Welterschöpfungstag über die Bedrohung für das gemeinsame Haus durch die imperiale Lebensweise.
 
Viele Menschen erhoffen sich von technischen Innovationen oder naturverträglichen Kreislaufsystemen eine Kehrtwende. So soll z. B. Elektromobilität ein wichtiger Baustein für den Klimaschutz sein. Das Verbot von Verbrenner-Motoren ab 2035 ist laut Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut in einem Beitrag in der Zeitschrift Chili, Ausgabe Juli/August 2022, ein wichtiges Signal für die Automobilindustrie. Allzu gerne glauben wir, dass uns diese technischen Innovationen erlauben werden, an unserem extravaganten Lebensstil weiter festhalten zu können. Oder im schlimmsten Fall diesen sogar noch weiter steigern können. So meldete heise online im Oktober 2022, dass Elektroautos immer beliebter werden, ebenso wie SUVs. Im Oktober war entsprechend ein Elektro-SUV an der Spitze der neu verkauften Autos. Könnte dies ein Rebound-Effekt sein? Darunter versteht man den Effekt, dass Einsparpotenziale von Effizienzsteigerungen nicht oder nur teilweise verwirklicht werden. Das Umweltbundesamt illustriert den Effekt ebenfalls am Beispiel eines Pkws: Ein sparsamer Pkw verursacht geringere Treibstoffkosten pro gefahrenem Kilometer. Dies wirkt sich auf das Fahrverhalten aus. Wege werden häufiger mit dem Pkw zurückgelegt, längere Strecken gefahren und öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad dafür weniger genutzt. Es zeigt sich erneut, wie wichtig auch an dieser Stelle der Verzicht ist.

Die Vorstellung, auf einen Teil des gewonnenen Wohlstands verzichten zu müssen, macht vielen Menschen Angst. Das ist normal. Allerdings sollten wir uns meiner Meinung nach auch immer wieder vor Augen führen, dass wir an vielen Stellen auf Privilegien verzichten würden, die wir inzwischen als selbstverständlich wahrnehmen. So scheint es für uns inzwischen vollkommen normal geworden zu sein, mehrfach im Jahr in den Urlaub zu fahren oder gar zu fliegen. Für den größten Teil der Menschheit und auch für die meisten unserer Großeltern ist und war dies ein absoluter (vielleicht nie erreichbarerer) Luxus. Und hängt die Definition eines erfüllten Lebens wirklich von der Zahl der unternommenen Kreuzfahrten oder der Größe des Kleiderschrankes ab, wie Silvia Liebrich dies in ihrem Artikel fragt? Bedeutet Verzicht zwangsläufig ein schlechteres Leben? Interessanterweise grenzen sich minimalistisch lebende Menschen vom Begriff des Verzichtshandeln ab. Für sie stellt Verzicht eher eine Befreiung oder Bereicherung dar. Matthias Drobinski beschreibt in seinem Publik-Forum-Artikel, dass Verzicht zusehends aus der Nische des Eigentümlichen und Lustfeindlichen heraustritt. 

Auch viele junge Menschen treibt dieses Thema an und um. Dies zeigte sich sehr eindrücklich bei der Veranstaltung »Postwachstumsgesellschaft – wie wir gemeinsam leben wollen«. Rund 100 Schüler*innen diskutierten dabei u. a. die Rolle des Individuums für den (gesellschaftlichen) Wandel. Kritisch beleuchtet wurde dabei, dass durch den Appell an den Verzicht des Einzelnen die Verantwortung an das Individuum übertragen wird, obwohl dies laut Aussage des Theologen Benedikt Kern, eigentlich besser normativ geregelt werden sollte.

Fällt also Weihnachten dieses Jahr aus, wie die Tagesschau befürchtet? Weihnachten ist mehr als Lichterschmuck, Weihnachtsgans und ein reich bestückter Geschenketisch. In einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA am 17. Mai 2022 sagt der Priester und Buchautor Andreas Knapp: »Viele Menschen spüren inzwischen, dass das, was die Konsumgesellschaft versprochen hat – dass man auf diese Weise glücklich und ausgefüllt ist – irgendwann schal und hohl wird. Sie merken, dass es nicht alles sein kann, eingespannt in die Maschinerie des Konsumierens von einem Vergnügen ins nächste zu jagen. Irgendwann erschöpft sich das. Und dann kommt der Hunger nach Werten, die das Leben wirklich ausfüllen und eine größere Tiefe haben.« Für Matthias Drobinski geht das christliche Verständnis von Verzicht noch tiefer: »Es akzeptiert, dass das Leben endlich ist, das Dasein und die Welt unvollständig sind und bleiben werden. Es ist eine lebenslange Übung des Loslassens in der Liebe zu dem, was da ist, in der Hoffnung, gehalten zu sein, was immer da kommt.«
 
Gepostet am 14.12.2022 von Dr. Rebecca Albert, Studienleiterin  
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