An der Umfrage haben sich 38 Personen beteiligt. 37 % meinen, dass sich Moralität aufgrund von natürlicher Selektion entwickelt hat, 45 % glauben dies nicht, 18 % sind bei dieser Frage unentschlossen. Bei der Frage ob auch andere Arten als der Mensch über Moralvorstellungen verfügt, stimmten 53 % zu, 31 % haben dies verneint und 16 % waren unentschlossen. Vielen Dank an alle Teilnehmenden.
Den Menschen als einen Teil und nicht als den beherrschenden/ranghöchsten Teil der Natur zu sehen, konfrontiert uns zwangsläufig mit ethischen Fragen und Widersprüchen hinsichtlich Natur- und Tierschutz.
Ludwig Huber formuliert in seinem für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buch »Das rationale Tier« treffend, dass wir nicht nur von Tieren umgeben sind, sondern wir mit Tieren leben und vor allem
von Tieren leben. Bei der Tierschutzethik wird nicht direkt danach gefragt, ob der Unterschied zwischen Mensch und Tier grundsätzlich oder graduell ist, sondern ob er gravierend genug ist, um Tiere anders zu behandeln als Menschen. Dass wir Tiere anders behandeln als Menschen, zeigt sich nicht nur bei unserem Fleischkonsum (wäre Clean Meat für Sie eine Alternative?
[https://www.katholische-akademie-freiburg.de/blog-2/detail/nachricht/id/159239-ist-fleisch-aus-dem-labor-die-zukunft/?cb-id=12156971]), sondern auch bei der Xenotransplantation, also der Züchtung von Tieren, meist Schweinen, als Organspender für Menschen. Wir Menschen haben wie kein anderes Wesen Macht über andere Arten, auch wenn uns die Corona-Pandemie recht eindrücklich unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt hat. Geht mit dieser Macht nicht auch eine Verantwortung einher? So fragt beispielsweise Richard Girling in seinem Buch »Der Mensch und das Biest«, wie es sein kann, dass der Mensch sich einerseits »tierlieb« um seine wertgeschätzten Haustiere kümmert, und andererseits die Augen vor offensichtlichem Tierleid verschließt, wenn es um Massentierhaltung geht. Wir sind einerseits beste Freunde und andererseits schlimmste Feinde. Die US-Psychologin Melanie Joy erklärt in ihrem Buch »Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen«, dass die meisten von uns schon mit der Vorstellung aufwachsen, es sei normal, Fleisch zu essen, und dabei zwischen »essbaren« und »nicht-essbaren« Tieren zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist von der jeweiligen Kultur und/oder Religion abhängig, in der wir aufwachsen; so ist der Verzehr von in Deutschland beliebten Haustieren wie Hund oder Meerschweinchen in anderen Ländern durchaus üblich, während das bei uns beliebte Schweinefleisch in anderen Religionen tabu ist.
Selbst wenn man an einer Sonderstellung des Menschen festhalten will, sind die Ausführungen des evangelischen Theologen Helmut Thielicke (1908-1986) bedenkenswert: »Diese dem Menschen geschenkte, ihm anvertraute Überlegenheit kann sich nicht gegen die wenden, die ihm nachgeordnet und unterworfen sind. Denn wenn er seine Herrschaft im Namen Gottes ausübt, kann der Mensch sie auch nur ausüben im Namen jener Liebe, die ihm selbst widerführt, und im Namen jener Fürsorge, die Gott allen Geschöpfen zuwendet.«
Papst Franziskus‘ Gedanken gehen in der Enzyklika Laudato si‘ in eine sehr ähnliche Richtung: »Das bedeutet nicht, alle Lebewesen gleichzustellen und dem Menschen jenen besonderen Wert zu nehmen, der zugleich eine unermessliche Verantwortung mit sich bringt.«
Wie weit dürfen wir also in unserer (vermeintlichen?) Überlegenheit gehen? Stellen wir nicht allzu häufig unsere eigenen (Konsum-)Bedürfnisse über den Natur- und Tierschutz? Wie und wo können und müssen wir Verzicht üben, um uns nicht mittel- oder langfristig unsere eigene Lebensgrundlage zu entziehen? Oder gehen wir sogar so weit wie der griechische Philosoph Pythagoras (um 570-510 v. Chr.), für den der Verzicht auf Fleisch eine wesentliche Voraussetzung für Frieden in der Welt war? Seine Argumentation war dabei denkbar einfach: Wer sich von Totem ernähre, verlöre den Respekt vor dem Leben. Auch Papst Franziskus wirbt in Laudato si‘ für eine „weniger ist mehr“-Haltung: »Das ständige Anhäufen von Möglichkeiten zum Konsum lenkt das Herz ab und verhindert, jedes Ding und jeden Moment zu würdigen. […] Die Genügsamkeit, die unbefangen und bewusst gelebt wird, ist befreiend. Sie bedeutet nicht weniger Leben, sie bedeutet nicht geringere Intensität, sondern ganz das Gegenteil.«
Gepostet am 22.06.2022 von Dr. Rebecca Albert, Studienleiterin