Interview mit Klinikseelsorger Andreas Pfeffer über seine Arbeit auf einer Palliativstation.
Um das vielfältige Engagement im Bereich der Palliative Care auf dem Gebiet der Erzdiözese sichtbarer zu machen, stellt die Initiative Palliative Care Forum Personen und ihre Arbeit aus Einrichtungen und Diensten, aus dem familiären Umfeld und im Ehrenamt im Rahmen eines kurzen Interviews vor. Im etwa monatlichen Rhythmus werden diese Interviews auf der Homepage des Palliative Care Forums veröffentlicht, so dass nach und nach ein bunter Strauß des vielfältigen Engagements sichtbar wird. Den Auftakt macht Klinikseelsorger Andreas Pfeffer, der über seine Arbeit auf einer Palliativstation berichtet.
Auf einer Palliativstation steht den Patienten und Patientinnen ihr Tod vor Augen. Für Klinikseelsorgerinnen und ‐seelsorger ist es eine Herausforderung, die Patientinnen und Patienten, ihre Angehörigen aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu begleiten. Über seine Motivation und Arbeit erzählt Pastoralreferent Andreas Pfeffer. Er arbeitet auf der Palliativstation der St. Josefsklinik, Ortenau-Klinikum Offenburg.
1) Wie muss man sich ihren Alltag als Seelsorger auf einer Palliativstation vorstellen?
Mit meiner evangelischen Kollegin haben wir uns die Seelsorge so eingeteilt, dass jeder Wochentag abgedeckt ist und einer von uns auf jeden Fall zur Verfügung steht. Verlässliche und regelmäßige Gesprächsangebote sind das Herzstück unserer Arbeit, und wir schauen täglich bei jedem Patienten vorbei. Konkret beginnt der Tag dann damit, dass ich mich beim Pflegepersonal im Stationszimmer melde und erfahre, ob heute ein Auftrag vorliegt: ob ein Patient den Wunsch nach einem Gespräch geäußert hat, ob es Angehörige gab, die nach mir gefragt haben, oder ein Arzt Rücksprache wünscht. Auch das Pflegepersonal selbst gibt mir Hinweise in der Art »Es wäre sicher gut, wenn du dir heute mal besonders für Herrn X oder Frau Y Zeit nimmst.«
2) Unterscheidet sich die Seelsorge auf einer Palliativstation von der in anderen Klinikbereichen?
Ja, sogar sehr grundsätzlich! Zunächst haben wir auf der Palliativstation nur zehn Betten – was im Verhältnis zum Gesamtklinikum eine sehr individuelle seelsorgerliche Betreuung ermöglicht. Meine Kollegin und ich können es uns leisten, tatsächlich zu jedem Patienten ins Zimmer zu gehen und ihn zu begrüßen. Zudem haben wir es bei uns mit längeren Liegezeiten der Patienten zu tun; während sich Klinikseelsorge in anderen Bereichen auf Kurzzeitinterventionen, d.h. ein bis zwei Besuche beschränkt, ist es auf der Palliativstation eher eine wirkliche Begleitung über einen längeren Zeitraum. Und schließlich gibt es auf der Palliativstation nur Einzelzimmer. Im Vergleich zu den sonst üblichen 2-3-Bett-Zimmern sind das sehr gute Rahmenbedingungen für eine wirkliche seelsorgliche Begleitung, bei der man auch nicht nur für den Erkrankten, sondern genauso für sein soziales Umfeld – Familie, Freunde - da sein kann. Das wertschätze ich sehr an dieser Arbeit.
3) Wie ist Ihr Verhältnis zu Angehörigen?
Alle Palliativseelsorgenden arbeiten grundsätzlich systemisch, beziehen also das soziale Umfeld des Patienten immer mit ein. Das halte ich für eine Selbstverständlichkeit. Ich spreche nicht gerne von »Angehörigen«, da dieser Begriff eine gewisse Beschränkung auf Blutsverwandtschaft anklingen lässt. In unserem Alltag stellen wir fest, dass es »echte« Angehörige in diesem Sinne oft gar nicht mehr gibt. Stattdessen kann jemand diesen Platz einnehmen, der sich dem Kranken liebevoll verbunden fühlt und ihn verlässlich begleiten will. Eine solide biographische Verankerung im Leben des Kranken kann auch eine Nachbarin oder ein Freund mitbringen. Wichtig ist aber, dass man den konzentrischen Kreis immer vor Augen hat, in dessen Zentrum der Patient steht. Das klingt banal, ich sage es aber sehr bewusst, denn gerade in Fällen, in denen der Patient kommunikativ eingeschränkt ist, neigt man dazu, ihn zu übersehen. Dann muss man einen guten Blick dafür behalten, dass sich nicht alles nur noch um die weiter entfernten Kreise dreht. Besonders herausfordernd ist das natürlich, wenn es Entscheidungen zu treffen gilt, die mit unterschiedlichen Interessen oder gar Konflikten einhergehen. Ist der Patient nicht in der Lage, sich selbst zu äußern, müssen wir seinen mutmaßlichen Willen nach bestem Wissen und Gewissen erkunden.
4) Wie muss man sich die Zusammenarbeit im Behandlungs‐ und Betreuungsteam vorstellen? Konkret: Welchen Stellenwert hat die Seelsorge bei Ärzten, Pflegenden und Therapeutinnen?
Auch das ist eine Besonderheit der Seelsorge auf einer Palliativstation: Vor dem Hintergrund der WHO-Definition sieht die Konzeption ausdrücklich vor, den unterschiedlichen Dimensionen des Leids (körperlich, seelisch, sozial und spirituell) der Patienten und auch ihrer Angehörigen (Familie, Freunde) interdisziplinär und multiprofessionell zu begegnen. Dem entspricht in unserem Alltag, dass wir Palliativseelsorgenden wirklich Bestandteil des Teams sind und an Sitzungen teilnehmen: zusammen mit allen Kolleginnen und Kollegen, die im Bereich Palliativstation einen Arbeitsauftrag haben, also neben den Ärztinnen und Ärzten und dem Pflegepersonal auch die Kollegen aus der Psychoonkologie, Physiotherapie, Sozialarbeit bis hin zur Maltherapie. Es gibt eine wöchentliche Palliativkonferenz, sprich Teamsitzung, und alle sechs Wochen einen runden Tisch, dazu jede Menge Flurgespräche, die sich im Alltag ergeben. In der Theorie ist das also wirklich eine Begegnung auf Augenhöhe, und eine Errungenschaft, die ich keineswegs schmälern will, wenn ich erwähne, dass es in der Praxis manchmal anders aussieht. Denn klar ist auch: Bevor jemand ein Gespräch mit mir führen kann oder will, muss er schmerzfrei sein: Er braucht also zunächst einmal eine Linderung seiner körperlichen Leiden und erst an zweiter Stelle ein Gespräch. Man könnte unser Angebot im Vergleich zu den anderen Disziplinen also als eines der Zweistufigkeit - aber nicht der Zweitrangigkeit - beschreiben: Die Seelsorge kommt an zweiter Stelle, ist deswegen aber nicht weniger wert.
5) Sind Sie mit einbezogen, wenn etwa Behandlungsentscheidungen getroffen werden (müssen)? Und: Gibt es auch (ethische) Fallbesprechungen, an denen Sie mitwirken? Wird Ihre Rolle da ernst genommen?
Aus dem bisher Gesagten ergibt sich auch eine der größten Ansprüche an die Palliativseelsorge: nämlich das Seelsorgegeheimnis zu wahren. In anderen Klinikbereichen ist die multiprofessionelle Einbindung an das Team nicht so ausgeprägt und konzeptionell auch gar nicht vorgesehen. Wenn wir uns nun also regelmäßig interdisziplinär austauschen, wie welchem Patienten gerade am besten geholfen werden könne und was er oder sie gerade braucht, dann stoßen wir schnell an die Grenzen, die uns die Schweigepflicht zu recht auferlegt! Konkret müssen wir Seelsorgenden uns im Teamgespräch oft sehr diszipliniert zurücknehmen, um das Vertrauensverhältnis zu unseren Patienten nicht zu gefährden. Manchmal fühlt man sich natürlich unter Zugzwang, auch etwas Kluges beitragen zu wollen - und in einem multiprofessionellen Team kann auch schnell die Frage im Raum stehen, was der Unterschied zwischen dem Seelsorgegeheimnis und der ärztlichen Schweigepflicht sein soll. Dennoch rücke ich davon keinen Millimeter ab. Ohne, dass der Patient mir hierzu explizit einen Auftrag erteilt hat, dringt nichts von unserem Gespräch nach außen. Wenn ich diesen Auftrag bekommen habe, dann bin ich durchaus involviert, ja. Über ethische Fallbesprechungen hinaus gäbe es übrigens auch die Möglichkeit, in schwierigen Fällen ein Ethikkonsil mit größerem Teilnehmerkreis einzuberufen; das Initiativrecht dazu hätte ich selbst auch, habe es aber noch nie gebraucht.
6) Wie stark sind Sie mit den Themen Leben und Tod konfrontiert?
Sehr stark natürlich. Es sind existentielle Fragen, mit denen ich täglich konfrontiert werde. Nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, ob es Gott überhaupt geben kann, warum er das zulässt usw. Natürlich hat jeder Seelsorgende dann eine Art »Rucksack« mit seinen Lieblingsritualien und seinen Erfahrungen dabei, aber in diesem Rucksack sollte unbedingt noch Platz sein für das, was heute dazukommt. Und vielleicht braucht man den Rucksack auch überhaupt nicht. Wenn man ihn nicht dabeihat, dann geht man trotzdem zum Patienten, denn es wird sich Wesentliches ergeben, wir machen es nicht. Ich weiß nicht, wie Leben und Tod geht – nicht besser als der Patient. Wir lassen uns im Idealfall miteinander auf eine gemeinsame Suchbewegung ein. Wenn das möglich ist, wenn dieser Prozess sich so gestalten lässt, dann ist das sehr erfüllend und hilfreich für beide. Das sind Momente, in denen man Gott erfahren kann.
7) Möchten Sie einen Satz nennen/ein Motto, das für Sie in Ihrer Arbeit wichtig ist, und den Sie mit uns teilen möchten?
Für mich wäre solch ein Satz »Der Patient führt.« Das klingt zunächst nicht sehr aufregend, wird aber schnell zur Provokation, wenn diese Führung in Anspruch genommen wird. Dann muss man mit Sätzen wie »Ich werde diese Medikamente nicht nehmen« ernsthaft und redlich umgehen. Und genauso gut gilt das auch im Bereich der Seelsorge und Spiritualität: Ich kann nicht für den Patienten wissen, was er oder sie braucht oder auch nicht braucht. Ich muss akzeptieren, wie er unser Verhältnis definiert. Es geht hier um eine tiefe Verneigung vor dem Patientenwillen.
Gepostet am 20.01.2021 von Dr. Verena Wetzstein, Studienleiterin Ethik und Projektleiterin Palliative Care Forum