Zwischen Nähe und Distanz

Klinikseelsorge in Pandemie-Zeiten von Silke Winkler, Klinikseelsorgerin

Corona und die mit dem Virus einhergehenden Beschränkungen stellen die Welt auf den Kopf. Dies betrifft auch die Situation der Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger. Im Lock-Down sind die langen Flure und Gänge im Krankenhaus leer, es ist ungewöhnlich still. Die geltenden Besuchsbeschränkungen verändern den Klinikalltag und damit auch den Berufsalltag der Seelsorgenden. Klinikseelsorge ist Nähe zu den Menschen. Sie hat den Anspruch, kranken Menschen und ihren Angehörigen in ihrer Not beizustehen und sie nicht alleine zu lassen.

Doch nun sind auch die Seelsorgenden in der Klinik aufgefordert, Distanz zu halten – in einer Zeit, in der Nähe uns umso wichtiger erscheint – da ist sich das Seelsorgeteam an der Universitätsklinik Freiburg einig. Silke Winkler, Klinikseelsorgerin im Team der Universitätsklinik, berichtet aus ihrem Alltag.
 
In der Situation der Pandemie stellen sich uns Klinikseelsorgerinnen und Klinikseelsorgern viele Fragen: Wie kann man sich selbst schützen und dennoch dem Anspruch von Seelsorge gerecht werden? Wie kann man mit PatientInnen trotz persönlicher Schutzausrüstung in Kontakt kommen? Wie Sterbenden nahe sein? Wie kann man Angehörige betreuen, wenn der Kontakt zunächst nur telefonisch möglich ist? – Das waren Fragen, die uns seit dem Frühjahr 2020 sehr beschäftigten – sind doch gerade Nähe und stärkende Berührungen wichtige Bestandteile unserer Arbeit. Sie vermitteln Sicherheit und Halt: Hand halten, wenn Worte fehlen und das Gegenüber nicht ansprechbar ist. Hand auflegen im Gebet und bei Segnungen, stärkende Gesten im seelsorglichen Gespräch.
 
 
Arbeiten in neuen Strukturen
 
Es galt im Frühjahr, sich schnell auf diese fremde und ungewohnte Situation einzustellen. Evangelische und katholische Seelsorge intensivierten in ihre ökumenische Zusammenarbeit. Eine ökumenische Rufbereitschaft wurde eingerichtet, die erstmals für alle Freiburger Krankenhäuser zuständig war und noch ist. Damit sollte gewährleistet sein, dass rund um die Uhr (24/7) immer ein(e) SeelsorgerIn erreichbar ist und die PatientInnen, Angehörigen und das Personal in ihren Anliegen unterstützen kann. Dieser Rufdienst hat die seelsorgliche Präsenz zu den regulären Tagzeiten sinnvoll ergänzt. Von Beginn an fühlten wir uns von den einzelnen Stationsteams in den verschiedenen Krankenhäusern herzlich willkommen geheißen und unterstützt. Sie signalisierten uns, dass wir zum Team gehörten und dass sie gerne auf unser seelsorgerliches Angebot zurückkommen würden.
 
Die Besuchsbeschränkungen bedeuten nach wie vor für die betroffenen Familien, ebenso wie für das Personal, einen großen Einschnitt. Viele Angehörige fühlen sich »wie abgeschnitten«. Sie bekommen die oft schnellen Verläufe dieser Erkrankung nur aus der Ferne mit und können bisweilen den Krankheitszustand nur schwer begreifen. Das bildliche Erleben des Krankheitsfortschritts fehlt: Das ist zugleich eine große Herausforderung für das gesamte Team. Viele Gespräche fanden und finden wieder nur noch telefonisch statt. Das braucht deutlich mehr Zeit als sonst und oft herrscht eine gewisse Ohnmacht und Hilflosigkeit auf allen Seiten. Auch für uns Seelsorgende ist das herausfordernd. Viele Gespräche mit Angehörigen führen auch wir per Telefon. Immer wieder geht es dabei unter anderem um Schuldthemen: »Warum gerade unsere Mutter«, »Ich habe meinen Mann angesteckt und jetzt liegt er auf der Intensivstation« – um nur einige dieser Themen zu nennen. Auch geht es um die Ohnmacht von Angehörigen, jetzt nicht einmal Beistand durch Dasein leisten zu können.
 
 
Abschied aus der Ferne gestalten
 
Ende März rief uns eine Ehefrau in größter Not an: »Mein Mann wird gleich sterben und ich darf nicht an seiner Seite sein«. Sie waren seit über 40 Jahren verheiratet und hatten ihr Leben und ihren Alltag Tag für Tag miteinander geteilt. Telefonisch hatte sie erfahren, dass das Herz ihres Mannes in Folge der Viruserkrankung nicht mehr arbeitete. Sie bat uns, stellvertretend für sie an der Seite ihres Mannes zu sein, ihm beim Sterben die Hand zu halten und noch ein Gebet für ihn zu sprechen. Das ist ihr – auch im Nachhinein – noch ein kleiner Trost in aller Trostlosigkeit.
 
In palliativen Situationen und bei schwer erkrankten PatientInnen öffneten sich die Kliniken schnell für Angehörige. Die äußeren Umstände verhinderten jedoch oft ein direktes Anwesendsein für die Angehörigen und so konnten diese nicht in dem Maße da sein, wie sie es sich gewünscht hätten oder auch die PatientInnen dies vielleicht gebraucht hätten. So schlossen sich im Frühjahr 2020 die Grenzen zu den Nachbarländern und der öffentliche Nahverkehr wurde eingeschränkt, was ein Kommen für manche sehr schwierig machte. Einige Angehörige waren auch selbst an Covid-19 erkrankt. So kam es nicht selten vor, dass Angehörige sich in Briefen verabschiedeten und wir Pflegende und Ärzte unterstützten, indem wir diese Briefe vorlasen. Wenn Angehörige dabei sein konnten, haben sie oft versucht, Abschiede auch in steriler Umgebung persönlich zu gestalten. So brachte eine frisch gepflückte Tulpe vom Feld unterwegs ein wenig Farbe und Leben in diese sterile und schwierige Situation. Auch das Lieblingshemd des Verstorbenen oder der Teddybär des Kindes nahmen diesen Situationen ein wenig die Schwere und verrieten etwas über den sterbenden oder verstorbenen Menschen.
 
In den Behandlungsteams musste und muss immer wieder ausgehalten werden, nichts mehr tun zu können. Das Ohnmachtsgefühl ist besonders groß, wenn die Krankheit junge Menschen betrifft: Menschen, die Familie mit noch kleinen Kindern haben und die mitten aus dem Leben heraus erkranken und sterben. Daher ist es immer wieder Aufgabe der Seelsorgenden in den Kliniken, Angehörige zu begleiten, wenn Therapien eingestellt werden.
 
 
Einsamkeit und Isolation durchbrechen
 
Neue Wege der Kommunikation sind mit Corona gefragt. So sitzen wir manches Mal an den Betten von PatientInnen und führen Videotelefonate mit ihren Angehörigen. Wir bringen ihnen auch Fotos und Grüße oder spielen ihnen Musik vor. Unvergesslich wird uns eine 95-jährige Patientin bleiben, die eher bedrückt in ihrem Bett saß. Der sie besuchende Seelsorger brachte ihr ihre Lieblingsmusikstücke mit, die ihm der Sohn zuvor zukommen ließ. Sie hörte diese, richtete sich auf und dirigierte sie im Bett mit. Ein gelungenes Gespräch schloss sich an. Gut begleitet durch die Hygieneabteilung und die Hygieneverantwortlichen der einzelnen Stationen trauen wir uns auch, PatientInnen zu berühren – bei Segnungen, aber auch im Gespräch. Viele PatientInnen strengt das Sprechen sehr an. Das Streicheln ihrer Hände, Erzählen von »draußen«, das Vorlesen einer Geschichte – all das hilft, Einsamkeit und Isolation zu durchbrechen. Wir Seelsorgenden sind nicht nur eine Brücke für Angehörige, sondern auch zwischen PatientInnen innerhalb der Häuser. So gibt es in der Pandemie immer wieder Familienangehörige, die auf verschiedenen Stationen liegen, weil bei ihnen die Krankheitssymptome unterschiedlich stark ausgeprägt sind und sie unterschiedlicher Versorgung bedürfen. Ich erinnere mich an ein Ehepaar: Er lag schwer erkrankt auf der Intensivstation, sie lag auf einer Covid-19-Normalstation. Der sie betreuende Seelsorger berichtete der Ehefrau immer wieder von den Besuchen bei ihrem Mann, betete gemeinsam mit ihr und segnete den Ehemann. Nach über 40 Jahren waren sie immer noch verliebt ineinander und als sie sich nach Wochen das erste Mal nach dem Aufwachen des Mannes auf der Intensivstation wiedersahen und Händchen hielten, war das ein wunderschöner Moment.
 
Nun befinden wir uns in der sogenannten zweiten Welle. Einiges an Verunsicherung der Anfangszeit hat sich gelegt. Neues haben wir eingeübt. Die besonderen Herausforderungen und Belastungen im Zusammenhang mit der Pandemie sind geblieben. Versuchen wollen wir auch weiterhin, mit unserem Dasein gemeinsam mit den anderen Berufsgruppen und den Angehörigen ein Stück Nähe spürbar und greifbar werden zu lassen für die PatientInnen.
 
Gepostet am 15.12.2020 von Dr. Verena Wetzstein, Studienleiterin Ethik und Projektleiterin Palliative Care Forum


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