Trauern in Corona-Zeiten

Mit zusätzlichem Gepäck unterwegs: Ein Impuls zum Thema Trauerbegleitung von Dr. Ulrike Hudelmaier, Referentin für Diakonische Pastoral im Erzbischöflichen Seelsorgeamt in Freiburg
 
Das Abschiednehmen und die Trauer um einen geliebten Menschen sind an sich anstrengend und kosten viel Kraft. Während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 war aufgrund der Kontaktbeschränkungen das, was in »normalen Zeiten« trägt und tröstet, nicht oder nur sehr begrenzt möglich: direkte menschliche Nähe und vertraute Rituale. Dies macht die Trauer noch schwerer. Was prägt einen Trauerprozess? Welche Aspekte spielen eine Rolle? Und schließlich: Was macht Trauer in Corona-Zeiten besonders?

Der Tod eines nahestehenden Menschen stellt einen tiefen Einschnitt in das eigene Leben dar und berührt sämtliche Dimensionen: die Gefühle, das Denken wie auch die sozialen Beziehungen. Am Anfang sind Trauernde oft zwischen dem Blick in die Vergangenheit und der Zukunft, die ohne die verstorbene Person nicht vorstellbar ist, hin- und hergerissen. Die bange Frage »Wie soll das Leben ohne Dich weitergehen?« wie auch Erinnerungen an gemeinsam verbrachte Zeiten nehmen viel Raum ein. Der Verstand will noch nicht begreifen, dass die Person wirklich gestorben ist. Nach und nach kann die Realität des Verlustes durch Erzählen oder durch Rituale wie z. B. das Aufbahren, das Abschiedsgebet oder die Beerdigung erfasst werden.
Häufig sind Trauernde in der ersten Zeit einem Chaos der Gefühle und Gedanken ausgesetzt. Tiefer Schmerz, Traurigkeit, Schuldgefühle, Zorn und Wut können sich mit Liebe und Dankbarkeit abwechseln. Fragen und Vorwürfe können plagen, wie z. B. »Warum musste unsere Mutter so früh sterben?«, »Hätten wir noch mehr für sie tun sollen?«
 
Die Monate bis Jahre dauernde Suche nach einem Weg ohne die verstorbene Person ist mühevoll, da das Leben neu organisiert und geordnet werden will. Es ist ein einzigartiger und persönlicher Weg, den jede und jeder Trauernde für sich selbst gestalten muss. Je nach den Umständen des Todes, der Beziehung zur verstorbenen Person, der eigenen Persönlichkeit, dem körperlichen Befinden, der materiellen Situation, dem sozialen Netz, den gesellschaftlichen Normen und der religiösen Orientierung treten einerseits unterschiedliche Herausforderungen auf und können andererseits verschiedene Kraftquellen in Anspruch genommen werden.
Gute Freunde z. B., die Trauernde im Alltag ganz praktisch durch die Übernahme von Tätigkeiten im Haushalt, durch eine Einladung zum Mittagessen oder durch Zuhören unterstützen, können eine große Hilfe sein. Anders dagegen Menschen, die kein Mitgefühl zeigen und die Trauer nicht anerkennen, indem sie z.B. die Art zu trauern nicht akzeptieren und sagen »Jetzt hast Du genug geweint, jetzt muss es weitergehen!«.
Trauernde stehen vor vielen Herausforderungen: Sie müssen den Alltag und die Freizeit neu gestalten und dabei in neue Rollen und Aufgaben hineinfinden. Auch der Umgang mit den teils schnell wechselnden und widersprüchlichen Gefühlen will gelernt sein. Lange Zeit hat sich die Trauerforschung auf Sigmund Freud berufen und Trauernden empfohlen, die Verstorbenen innerlich loszulassen, um sich dann wieder neu dem Leben zuwenden zu können. Mittlerweile wurde erkannt, wie wichtig eine bleibende innere Verbindung zur verstorbenen Person sein kann. Insofern stellt sich Trauernden die Frage, wie sie innerlich verbunden sein wollen. Nicht zuletzt kann der Tod eines nahestehenden Menschen bisherige Denk- und Glaubensmuster ins Wanken bringen und die Frage nach dem Sinn aufwerfen: »Welchen Sinn hat mein Leben ohne den geliebten Menschen? Warum hat Gott das zugelassen?«
 
Menschen, die während des Lockdowns von einer geliebten Person Abschied nehmen mussten, taten dies unter erschwerten Bedingungen. Vertraute Gesten und Rituale, die normalerweise Halt geben und Trost schenken, waren kaum oder nur begrenzt möglich. Vor allem das einsame Sterben der geliebten Person, die Ohnmacht, die fehlende körperliche Nähe und Gemeinschaft und nur reduziert durchgeführte Rituale werden als »zusätzliches Gepäck« erlebt und belasten Trauernde. Das sich nicht Verabschieden-Können und Nicht-dabei-sein-Können bei der Beerdigung machen es schwerer, die Wirklichkeit des Todes zu begreifen. So schreibt Esrin Saral-Carnevale, die sich weder von ihrer Mutter verabschieden noch bei der Beerdigung dabei sein konnte: »Die Beerdigung habe ich per WhatsApp-Videos miterlebt. […] Es war surreal. Die meisten der Videos habe ich gelöscht, weil ich es nicht ertragen konnte. Es ist noch immer nicht greifbar für mich.« (https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2020-07/trauer-corona-isolation-kontaktbeschraenkung-verlust-abschied) In weiteren Erfahrungsberichten in der Wochenzeitschrift »Die Zeit« schreiben Leserinnen und Leser, wie sehr sie körperliche Nähe vermisst haben: »Ich war mit meiner Trauer vollkommen allein. […] Trauer in Isolation ist das Härteste, was man einem Menschen antun kann.« (ebd.) »Es war schwer auszuhalten, unseren Vater nicht zu umarmen. Ihm, der gerade seine Ehefrau verloren hatte, keine tröstende Nähe geben zu können. Die Distanz, auch wenn es nur zwei bis drei Meter waren, fühlte sich unüberwindbar an. Das hat mich innerlich zerrissen.«(ebd.)
 
Manche Rituale können eventuell nachgeholt werden, wie z. B. eine Trauerfeier im größeren Rahmen, andere schmerzhafte Erfahrungen während des Lockdowns tragen Trauernde noch mit sich und werden sie erst nach und nach ablegen können.
 
Wie sich das zusätzliche »Corona-Trauer-Gepäck« auf die Trauer auswirken kann und wie Trauernde hilfreich unterstützt werden können, nimmt der Studientag „Trauernde begleiten“ am 5. November 2020 in der Katholischen Akademie Freiburg genauer in den Blick.
 
Gepostet am 11.8.2020 von Dr. Verena Wetzstein, Studienleiterin Ethik und Projektleiterin Palliative Care Forum
 


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